Geschichte

Wie entstand eigentlich der Rittergarten e.V.?

Die Wurzeln des Rittergarten e.V. reichen bis auf den Kraftstein, das Landheim des evangelischen Jugendwerks Tuttlingen. Während einer Sommerfreizeit 1981 kam die Idee für ein Projekt auf, das Jugendarbeit, Engagement in der Friedensbewegung, Umweltschutz, Dritte Welt-Handel sowie Kneipe, Kultur und Begegnung unter einem Dach Raum geben sollte. Kurz darauf wurde dann der „Verein zur Förderung der evangelischen Jugend- und Gemeindearbeit“ geboren, im Frühjahr 1982 öffnete der Verein ein Vereinslokal im „Engelkeller“ in der Möhringer Strasse. Außer einem schlecht bezahlten hauptamtlichen Wirt wurden alle Leistungen ehrenamtlich erbracht. Der Verein konnte in den Achtzigern noch auf ein immenses Potential engagierten Kräften zurückgreifen.

Als der Engelkeller schon bald darauf den Besitzer wechselte, hatte der Verein die Möglichkeit, in den viel größeren Rittergarten umzuziehen. Der Rittergarten ist zweifellos eine der traditionsreichsten Wirtschaften in Tuttlingen. Er wurde Mitte des letzten Jahrhunderts erbaut und lag fernab vom Stadtkern als beliebtes Ausflugslokal. Die tiefen Keller des Rittergartens dienten für verschiedene Wirte als Bier- und Eiskeller. Das Wiesengrundstück hinter dem Gebäude wurde schon vor dem ersten Weltkrieg als Festplatz benutzt. An rohen Tischen und Bänken spielten sich die Feste der Turner, Athleten, Sänger und Kinder ab. Vor dem Haus floss bis in die zwanziger Jahre noch ein vom Brunnental her gespeister Brunnen. Das Lokal war also immer schon ein besonderer Ort der Begegnung für Bürger und alle möglichen Institutionen und Vereine der Stadt.

Vor dem Einzug des Vereins stand der Rittergarten, der einem modernen Immobilienprojekt weichen sollte, einige Zeit leer. In letzter Sekunde wurde das Gebäude von einem Tuttlinger Unternehmer übernommen und somit vor der Abrissbirne gerettet. In hunderten von ehrenamtlichen Arbeitsstunden wurde der Gastronomiebereich, also Gastwirtschaft, Nebenzimmer und Gartenhalle, von Vereinsmitgliedern renoviert und in einem 3-tägigen Fest unter freiem Himmel am 17. Juni 1984 mit Musik, Theater, Kabarett und Sketchen eröffnet.

Der Charakter des Lokals hat sich mit dem Umzug verändert. War der Engelkeller noch eher ein Vereinslokal, richtete sich der Rittergarten an ein breites Publikum, und begann nun auch, regelmäßig kulturelle Veranstaltungen zu organisieren.

Die Vereinsaktivitäten

Der Verein war nun Träger eines Kulturzentrums sowie zahlreicher Projekte wie Lernwerkstatt für arbeitslose Jugendliche (heute Brücke e.V.), Internationaler Stammtisch, Altennachmittage, internationales Frauencafe, Konzerte, Theater, Stattzeitung, Predigtnachgespräche, Spielabende, Café Classic, 3.Welt Arbeitskreis, Frauen für den Frieden, Tauschbörse (Dätschmer Club), Themenstammtische, Projekt Holzhaus uvm. Der Schwerpunkt der Vereinstätigkeit hat sich in den 90ern jedoch stark auf Kulturarbeit verlagert, weshalb auch der Name des Vereins 1991 schlicht in Rittergarten e.V. geändert wurde was auch die Identifikation mit dem Gebäude und der darin erbrachten Arbeit unterstreicht.

Nach verschiedenen Einzelkonzerten auf dem Honberg hat der Rittergarten e.V. sich dann an ein größeres Kulturprojekt auf der Burgruine gewagt, ein 3-tägiges Musikfestival, das zunächst über eine Ausfallbürgschaft von der Stadt unterstützt wurde, um das finanzielle Risiko für den Verein zu minimieren, und nach immer stärkerer Kooperation mit dem städtischen Kulturamt im 4. Jahr als Tuttlinger Honbersommer ganz vom Kulturamt der Stadt übernommen wurde.

Der Honbergsommer oder die Lernwerkstatt (heute Brücke e.V.), ein Projekt für langzeitarbeitslose Jugendliche, sind typische Beispiele für die besondere Fähigkeit des Vereins, Missstände aufzugreifen und in Modellprojekte umzusetzen, die, falls erfolgreich und aufgrund ihrer Größe für den Verein nicht mehr zu managen, in neue Trägerschaften überführt werden.

Die Kneipe Rittergarten

Zunächst wurde der Wirtschaftsbetrieb noch mit vielen ehrenamtlichen Kräften geleistet, was aber bald aufgrund steigender Besucherzahlen durch professionelle Bewirtung ersetzt wurde. Dem Verein sind allerdings aus dem Wirtschaftsbetrieb und der sich daraus ergebenden notwendigen Investitionen finanzielle Schäden entstanden, von denen er sich bis heute nicht erholen konnte. Sehr unbürokratisch haben Mitglieder durch zinslose Darlehen dem Verein aus der Krise geholfen, und damit am Leben gehalten. Leider ist ein Grossteil der Darlehen bis heute nicht zurückbezahlt. Die Mitglieder des Vereins bewirten seit Jahren beim Honbergsommer, der Erlös fließt in die Tilgung dieser Altlasten und stellt heute eine der wichtigsten Einnahmequellen des Vereins dar.
Viel zu spät wurde der Wirtschaftsbereich 2001 an ein erfahrenes Wirteteam verpachtet, wodurch der Verein sein finanzielles Risiko weiter reduzieren konnte und vor allem die Qualität des Gastronomiebereiches deutlich verbessert wurde, ohne dass die kulturellen Aktivitäten und Veranstaltungen dadurch Schaden erlitten, im Gegenteil arbeiten Pächter und Verein konstruktiv Hand in Hand.

50. soziokulturelles Zentrum in Baden Württemberg

Als einer der wichtigsten Meilensteine der Vereinsgeschichte wurde der Verein im Herbst 1996 als 50. Mitglied in Baden Württemberg, in die LAKS, die Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren, aufgenommen. Damit erhält der Verein neben städtischen Zuschüssen auch Landesgelder zur Finanzierung der Kulturarbeit. So konnte eine längst überfällige hauptamtliche Stelle im Kulturbereich zumindest als Teilzeitstelle geschaffen werden.

In den soziokulturellen Einrichtungen geht es darum, die Besucher zu eigenschöpferischer Tätigkeit anzuregen, ein Bündnis von Künstlern und sozialen Bewegungen darzustellen, das gesellschaftliche Engagement von Künstlern und Besuchern anzuregen und damit ein Gegengewicht gegen die alles überwuchernd Unterhaltungs- und Freizeitindustrie und die wachsende Entfremdung zu schaffen. Deshalb fördern die Zentren künstlerischen Nachwuchs und kreieren experimentelle künstlerische oder soziale Projekte. Sie entwickeln vielfältige Angebote der politischen Bildung und nehmen mit eigenen Stellungnahmen an politischen Auseinandersetzungen teil.

Die soziokulturellen Zentren unterscheiden sich von städtischen Kultureinrichten durch den Selbstverwaltungscharakter, die multidisziplinäre Zielsetzung der Arbeit, multifunktionale Nutzung der Räumlichkeiten, Integration verschiedener kultureller Initiativen wie Selbsthilfegruppen, kulturellen Produktionsstätten u.ä..

Die Kultur- und Bildungsministerien haben seit Jahren die Förderungswürdigkeit der Soziokultur
unterstrichen, besonders aufgrund ihres Innovationspotentials und der Fähigkeit, mit begrenzten finanziellen Mitteln neue Projekte und Modelle schnell zu verwirklichen.

 KULTUR im Rittergarten

War der Verein aufgrund seiner politischen Aktivitäten besonders in den Achtzigern den Bürgervertretern im Rathaus eher ein Dorn im Auge, wurde besonders im Hinblick auf die erfolgreiche Kooperation vieler anderer Städte mit ihren Kulturzentren bald auch in Tuttlingen der Wert der Soziokultur für die Stadt erkannt, und über die finanzielle Förderung hinaus ein konstruktiver Dialog und Zusammenarbeit vor allem mit dem Kulturamt geschaffen.

Besonders die neueste Veranstaltungsreihe des Vereins, „KANNITVERSTAN“ eine Diskussionsveranstaltung nach dem Vorbild von Sabine Christiansens Talkshow, zu aktuellen lokalen Themen, wurde ein voller Erfolg. So diskutierten die Vertreter der Stadt, der Gemeinderatsparteien und verschiedener Institutionen im proppevollen Rittergarten bereits zu Themen wie dem Tuttlinger Kulturbegriff um Stadthalle und Eigenbetrieb Tuttlinger Hallen, der Situation des Tuttlinger Einzelhandels, oder dem geplanten Abriss des Krematoriums. Hier wird der Verein seiner Zielsetzung gerecht, ein Forum zur Diskussion umstrittener Themen in der Stadt zu schaffen und zur politischen Bewusstseinsbildung vor allem junger Bürger der Stadt beizutragen.

Rock, Pop, Soul, Blues, Independent, Jazz, aber auch Theater und Magie, Ausstellungen fast die ganze Palette künstlerischen Schaffens findet sich im Kulturprogramm des Vereins. Dabei stehen kommerzielle Interessen nicht im Vordergrund, vielmehr die Unterstützung von Kleinkunst, Kunstprojekten und vor allem, lokalen Musikern, Bands und Nachwuchskünstlern Auftrittsmöglichkeiten zu bieten. Seit vielen Jahren ist jeden Montagabend „Jazz Night“ mit einer Jam Session für die regionale Jazzszene.

Zu Gast im Rittergarten waren z.B. Eric Bibb, Bratsch, Evasion, Amadou&Mariam, Climax Blues Band, Brings, Ezio, Richard Thomson, June Tabor, Farlanders, Schramms, David Lindlay& Wally Ingram, Jackie Leven, Mitch Ryder, …Gemeinsam mit dem JazzClub Jam-Factory konnten Jazzgrößen wie Billy Cobham, Paul Kuhn, Eddie Palmieri oder James Blood Ulmer verpflichtet werden, 96/97 fand sogar ein mehrtägiges Jazz Festival im Rittergarten statt.

Der „ttt“, Tuttlinger Thekentratsch, feierte dieses Jahr sein 10-jähriges Bestehen. Die regelmäßig stattfindenden Autorenlesungen, Vorträge und Diskussionsrunden, die in Kooperation mit „Stiefels Buchladen“ organisiert werden sollen vor allem auch Jugendlichen Lust auf Literatur und die Auseinanderssetzung mit politischen Themen machen.
Die Liste der Gäste lässt sich sehen, hier ein kleiner Ausschnitt; Gregor Gysi, Erhard Eppler, Franz Alt, Rosa von Praunheim, der Survivalfreak Rüdiger Nehberg, Bärbel Bohley, die Edelhure Domenica, Zoe Jenny, Robert Schneider, der Autor von Schlafes Bruder, Gabriele Wohmann, Günther Amendt, und und und…

Legendär sind mittlerweile die Kindernachmittage im Rittergarten. Einmal pro Monat wird von „Vereinsmüttern“ ein Aktivprogramm für Kinder verschiedener Altersgruppen gestrickt. Wichtig ist, dass die Kinder selbst aktiv und kreativ sein können wie beim Basteln, Werken, Tanzen oder Vorbereiten eines Festes zu einem bestimmen Thema (z.B. „Kinder in Afrika“, Herbstfest o.ä. Abwechselnd dazu gibt es auch Angebote zu denen die Kinder als Zuschauer eingeladen sind wie Puppentheater, Clownerie oder Jonglage.

 Die letzte Dekade

Zwar stellte der Verein eine wichtige Ergänzung zum städtischen Kulturangebot dar und wurde  für viele Bürger zu einem wichtigen Bestandteil des Kultur- und Freizeitangebots in der Region Die Stadtverwaltung erkannte, spätestens mit dem Führungswechsel auf dem Oberbürgermeistersessel vor zehn Jahren, die wachsende Bedeutung des Freizeitwertes einer Stadt und erklärte den Rittergartenverein für unverzichtbar  für das soziokulturelle Leben in Tuttlingen.

Nichtsdestotrotz machte sich, wie in zahlreichen anderen Vereinen auch, im Rittergarten die rückgängige Bereitschaft zu ehrenamtlicher Arbeit breit. Es gab kaum Nachwuchs, der Verein drohte zu überaltern. Erstes Wetterleuchten am Horizont war der Ausstieg aus der Bewirtung des Honbergsommers: Es fand sich kein Verantwortlicher, der das Erbe von Ludwig Teufel antreten konnte.

Den wenigen „jungen Wilden“ die die Kneipe in eine gemeinnützige GmbH umwandeln wollten, um dem Verein mehr Spielraum für Inhalte zu geben, fehlte letztlich Power und Erfahrung um dieses ehrgeizige Projekt zu stemmen. Es endete mit der Insolvenz der „gGmbH

Rittergarten“ im Jahr 2013 und dem schmerzlichen Auszug aus der bekanntesten Tuttlinger Traditionswirtschaft nach 29 Jahren.

Wer nun gedacht hatte, dies wäre das Ende des Rittergartenvereins hatte die Zähigkeit der Kerngruppe unterschätzt. Es gab ein knappes Dutzend Austritte aber das Ansinnen Einzelner ,den Verein aufzulösen wurde im Keim erstickt.

Stadtverwaltung und LAKS signalisierten, die Krise gemeinsam mit dem Verein durchstehen zu wollen, wenn ein tragfähiges Konzept erkennbar sei.

Vorstand und Ausschuss setzten auf „gesteigerte Normalität unter unnormalen Bedingungen“ bildeten bewährte Kooperationen mit Stiefels Kulturcafe und dessen Bürogemeinschaft, sowie mit evangelischem Jugendwerk und den evang. Teilgemeinden ,Volkshochschule und dem Katholischen Bildungswerk sowie den Tuttlinger Hallen.

Der Rittergarten-Weihnachtsmarkt findet auch weiterhin Anfang Dezember statt.

Die treuen Freunde und Freundinnen des Vereins haben sich zwischenzeitlich daran gewöhnt, dass Veranstaltungen nicht mehr nur im Rittergarten sondern auch im Phono, in den Kirchen, im Scala sowieso, im Rathausfoyer oder im Kulturcafe stattfinden.

Die eindrucksvollste Visitenkarte lieferte das  Studentrio des Vereins in Zusammenarbeit mit den MitarbeiterInnen des Jugendwerks auf dem Stadtfest ab:

Auf Bühne und Platz “tanzte der Bär“. Es war ein voller Erfolg in Sachen Organisation ,Planung, Durchführung und Stimmung!

Ausblick

Wenn es dem Verein gelingt, diese Kooperation mit Studenten, von denen es in Tuttlingen immer mehr gibt und dem Jugendwerk weiterhin so zu pflegen, zu festigen  und auszubauen, muss es ihm nicht bange werden.

Nach einem vorübergehenden Comeback 2015 sind wir seit 2017 wieder auf dem Honberg präsent.

Denn, wie der Tuttlinger zu sagen pflegt: „ S´wär schad drum!”

Rittergarten e.V.

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